Daniel Bärtschi von «World Vision Schweiz» über hungernde Kinder, unser Konsumverhalten und aufrüttelnde TV-Spots.
Täglich sterben 32’000 Kinder an Unterernährung. Was löst diese Zahl bei Ihnen aus?
Daniel Bärtschi: Eine humanitäre Katastrophe, die sich jeden Tag abspielt, ohne in den Medien zu erscheinen. Wenn man sich vorstellt, dass jeden Tag 100 Jumbojets abstürzen würden, kommt man auf die gleich hohe Zahl von Todesfällen.
Ein Fehlverhalten der Medien?
Nein. Das Problem ist, dass man diese Tatsache als normal hinnimmt. Der Schockfaktor, wie er bei einem Einzelereignis vorkommt, ist nicht mehr vorhanden. Ausnahmen gibt es nur dann, wenn man Bilder aus einem Hungergebiet sieht, wie zum Beispiel aktuell aus Darfur.
Statistisch gesehen gäbe es genug Nahrung für alle. Wieso hungern so viele Menschen?
Die Gründe sind sehr vielschichtig, natürlich und menschlich verursacht. Trotzdem kann man sie auf ein Einkommensproblem reduzieren. Hunger wird primär durch Armut verursacht.
Bekämpfen Sie also die Armut und nicht direkt den Hunger?
Wir arbeiten zweigleisig. In unseren langfristigen Regionalentwicklungsprojekten versuchen wir, eine nachhaltige Produktion anzuregen. So sollen Bauern in ländlichen Regionen genügend produzieren können, nicht nur für sich selbst, sondern auch Überschüsse für den Markt. Daneben sind wir präsent bei akuten Hungersnöten. Dort verteilen wir zusammen mit dem «World Food Program» (WFP) der UNO Nahrungsmittel an die Bedürftigsten.
Wo engagieren Sie sich zurzeit konkret gegen den Hunger?
Es gibt ein Projekt in Lesotho, ein kleines Land im südlichen Afrika. Dort herrscht eine Dürrekatastrophe. Wir versorgen die ärmste Bevölkerungsschicht mit Nahrungsmitteln. Gleichzeitig unterstützen wir Kleinbauern mit Saatgut und helfen ihnen bei der Produktion. Das Projekt bringt Soforthilfe, soll die Bauern aber auch längerfristig befähigen, bei zu wenig Wasser zu reagieren, so dass dennoch produziert werden kann.
Sind solche Projekte nicht nur ein Tropfen auf den heissen Stein?
Global gesehen, ist es sicher so. Wenn man aber vor Ort mit den Leuten spricht, merkt man, dass dieser Tropfen eben sehr wertvoll ist. Man muss das Hungerproblem weltweit angehen, um eine generelle Verbesserung zu erreichen.
Wie kann das geschehen?
Jede Regierung müsste ihre Landwirtschaft fördern, um eine Nahrungsmittelsicherheit zu schaffen. Daneben bräuchte es eine Verschiebung in der weltweiten Produktion, weg vom Tierfutter hin zur menschlichen Nahrung. Vielfach werden Anbauflächen nicht für menschliche Nahrung, sondern für Tiernahrung oder Rohstoffe wie Baumwolle gebraucht. Das ist ein gesellschaftliches Problem. Die Weltwirtschaft befriedigt die Bedürfnisse der Reichen.
Wie kann man sich persönlich gegen den Hunger engagieren?
Es braucht eine gewisse Offenheit für das Problem. Dann ist es sinnvoll, Organisationen, denen man vertraut, zu unterstützen. Vom christlichen Standpunkt aus ist es wichtig, zu beachten, dass nicht nur Seele und Geist, sondern auch der Leib unterstützt wird. Nahrungsmittel zu verteilen ist nicht schlechter, als missionarisch tätig zu sein.
Sie hatten im letzten Jahr 26,8 Millionen Franken Einnahmen. Wie mobilisieren Sie die Leute?
Für die Leute ist es wichtig, einen konkreten Anhaltspunkt zu haben wie zum Beispiel bei der Patenschaft für ein Kind. So wird ein allgemeines Problem anschaulich gemacht. Vielleicht ist es auch die Einigartigkeit der Kombination von Einzelpatenschaft und nachhaltiger Entwicklungszusammenarbeit.
In TV-Spots zeigen Sie ausgemergelte Kinder mit Hungerbäuchen. Spielen Sie da nicht mit der Menschenwürde der Kinder und dem schlechten Gewissen der Leute?
Ein schmaler Grat! Einerseits wollen wir die Leute auf dem Sofa aufrütteln, anderseits nicht ethisch verwerfliche Dinge zeigen. Wir halten uns eher zurück. Gleichzeitig wollen wir auch nichts beschönigen. Um Herr und Frau Schweizer aufzurütteln, braucht es eine gewisse Dramatik.